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Biographie (deutsch) Naturally Seven
"READY TO FLY"
Wahrscheinlich war ich erst der dritte Deutsche, der diese sieben Künstler traf.
Helmut Fest und Jörg Beuttner nahmen Naturally 7 im Jahr 2002 auf ihrem Label Festplatte unter Vertrag, nachdem sie in Nashville einen ihrer Atem beraubenden Auftritte erlebt hatten. Und dann schickten sie mich nach New York, um das Phänome in Worte zu fassen. Der Auftrag: Schreib ein kurzes Künstlerporträt, das Naturally 7 sinnlich begreiflich macht. Deutschland sollte allen Anlass haben, sich auf etwas Besonderes zu freuen.
Dass es leichter würde, eine glaubhafte Episode von Sex and the City zu schreiben, davon ahnte ich noch nichts, als ich im März 2003 in dem Studio in der West 52nd Street erschien, um Naturally 7 live zu sehen. Denn nach einer gut halbstündigen Show standen die Münder der zehn geladenen Gäste (darunter Blue-Note-Präsident Bruce Lundvall) weit offen. Und ich hatte ein Problem: Das nimmt mir doch kein Mensch ab, dachte ich. Da stehen sieben schwarze Jungs, die machen mehr Alarm als Nelly, R. Kelly, Dru Hill, Jaheim aber kein einziges Instrument! Ihre ganze Musik, die Rhythms & Beats, der Bass, die Keyboardflächen und obenauf einige der ergreifendsten Soul-Stimmen, die ich in den vergangenen 15 Jahren gehört hatte - sie machten das alles mit nichts als ihrem ausgesprochen vielseitigen Mundwerk. Hat jemand "Acapella" gesagt? Oh, come on! Das ist so wenig Acapella wie Stevie Wonder Schlager singt und Eminem Büttenreden hält. Aber wer sollte mir glauben?
DREI JAHRE SPÄTER
Ich muss schon wieder fragen. "Keine Tricks?" Gerade habe ich das neue Album von Naturally Seven gehört, zweimal hintereinander, und obwohl ich Roger, Warren, Dwight, Marcus, Rod, Jamal und Garfield längst kenne und schon fünf Mal live sah, kann ich es schon wieder nicht glauben. "Keine Tricks!" erwidert Gruppenchef Roger. Ich schäme mich ein wenig, dass ich es erneut anzweifle, dass sie ALLES nur mit dem Mund und etwas Körpereinsatz eingespielt haben. Und soviel sei vorweggenommen: "Ready To Fly" steht musikalisch so gut im Saft, dass es sogar für eine Gruppe mit ganz gewöhnlichem Instrumentenfuhrpark - Drums, Bass, Sequencer, Keyboards - eine Auszeichnung wäre. Dass es ohne all dem entstand, macht es zur Sensation. Wenn diese Platte keinen Grammy gewinnt, schnitz ich einen mit eigenen Händen.
LOST IN EUROPE
Seit ihrem Nummer-Eins-Hit "Musik is the Key" mit Sarah Connor haben Naturally 7 in Europa eine neue Heimat gefunden. Von Deutschland aus zogen ihre Auftritte immer grössere Kreise, nach Österreich, Schweiz, Frankreich, Skandinavien, Slowenien, Ungarn, sogar bis nach Japan und Singapur. Nur in ihrer Heimat, den USA, machen sie sich rar, kehren hauptsächlich zurück um ihre Familien zu sehen.
Auf dieser Seite des grossen Teichs ist die Band die Familie. Und glauben Sie nicht, dass das eine ähnlich harmonische Angelegenheit wäre wie ihr famoses Zusammenspiel! Da halten sieben starke Persönlichkeiten zusammen, alle mit ihren eigenen Spleens und Ansprüchen, mit einer Disziplin zwischen Energieüberschuss und innerem Schweinehund. Sich über Wochen hinweg 24 Stunden am Tag zu synchronisieren, ist eine Kunst für sich.
Und trotzdem bleibt Zeit, neue Stücke zu schreiben. In Hotelzimmern und -Lounges, zwischen Soundchecks un den Auftritten entstanden seit 2004 eine Fülle neuer Songs, die Naturally 7 auf die nächste Stufe ihres Schaffens hieven. 20 Stücke umfasst die CD, und nichts davon ist business as usual. Für dieses zweite reguläre, in Europa und Japan erscheinende Album hat sich das Septett hohe Ziele gesetzt: den Instrumentenklang ihrer Stimmen perfektionieren, gleichzeitig aber den Vokal-Charakter ihrer Musik in den Vordergrund stellen - weniger Effekte, dafür einen vollendeten Gesamteindruck. Ausserdem wollten sie ihren pop value erhöhen. Ihre Lieder sollten einladender, mitreissender werden, weniger darauf angelegt, als Schaustücke für ihre Stimmakrobatik zu dienen. Und sie sollten spiritueller werden. Pop und Spiritualität? "Es ist schwer, einen geistlichen Anspruch zu verfolgen und den Leuten trotzdem einen leichten Einstieg in die Musik zu bieten", gibt Roger zu. Diesen Grat haben sie sonderbar leicht überwunden. Denn "Ready To Fly" ist keine 70-minütige Lobpreisung des Herrn, sondern eine ermutigende Auseinandersetzung mit dem eigenen Ich. "Jedes unserer Lieder hat eine Botschaft und,ja, die ist meist vertikal. Aber sie pulsiert im Rhythmus eines lebensfrohen Herzens. Wir mussten dafür nicht unsere künstlerische Alleinstellung" opfern, stellt Dwight klar.
NUR ZWEI HALBE COVERVERSIONEN
Auf dem Album "Ready To Fly" hört sich das dann so an: "In The Air Tonight", Phil Collins' einzige Nummer, die keine Glaubenskriege auslöst, erhält von Naturally 7 ein elegantes Sound-Kostüm voller Soul, geschmeidiger Rap-Passagen und einen Text, der die ursprüngliche Geschichte vom Zeugnis eines Mordes zu einem Zeugnis der Himmelfahrt wandelt. Das mag ironisch wirken, ist aber ein gottgefällig cleverer Zug. Die zweite halbe Coverversion, "What I'm Looking 4", ist Rogers sehr persönliche Adaption von Diana Ross' "Ain't No Mountain High Enough", ein Hohelied auf mütterliche Weisheit und die Kraft, die sie freizusetzen vermag.
Neben diesen zwei Referenzen brillieren Naturally 7 mit ihren Eigenkompositionen, auf einem Niveau, das jeden Freund von R&B-inspirierter Popmusik begeistern muss. Und jeden Soul-Fan! Sechs der sieben Unglaublichen - Warren ist als Rhythmus und Herzschlag der Gruppe gesanglich ausgebremst - agieren als so überragende Sänger, dass es mir Tränen in die Augen treibt. Jeder einzelne könnte es als Solokünstler ganz nach oben in den Soul-Himmel schaffen, und doch ordnen sie ihre Talente ganz und gar der Idee von Naturally 7 unter. Der Gruppenverband mag manchmal verschleiern, dass hier eine Supergroup von unfassbaren Talenten musiziert! Mir fällt in ganz Deutschland kein Pop-Sänger ein, der auch nur einem von ihnen das Wasser reichen könnte.
"Ready To Fly" breitet stattliche Flügel aus. Sie überspannen Block-Party-Knüller ("Can You Feel It"), Harmoniegesang in Vollendung ("How Could It Be"), trostreiche Balladen ("Forever For You", "Comfort U"), provokante Auseinanderseetzungen mit dem Erwachsenwerden ("Tradition"), steviewonderish Glitter-Soul ("New York"), bläserblechpolierter Shuffle-Funk ("Cool"), herzerweichende Kinderchöre ("4 Life") und eine der tanzbarsten Gänsehautballaden, die ich seit langem von der anderen Seite des Soul gehört habe ("Close 2 Me").
PYRAMIDENBAU
Was sich in 70 Minuten so leicht und innig entspinnt, ist das Ergebnis einer diffizilen Studioarbeit, die nach heutigen Massstäben einem Pyramidenbau gleicht. "Es braucht allein 5 Monate, bis alles für eine reibungslose Studioarbeit vorbereitet war. Die Studioarbeit selbst dauerte nochmals 5 Monate", erklärt Roger mit einer Stimme, in der all die Anstrengung nachhallt. "Selbst Studioprofis, die seit Jahrzehnten im Geschäft sind, konnten kaum fassen, welche Arbeit es erfordert, unsere besondere Art vokaler Musik einzufangen", ergänzt Rod. "Es ist eine Riesenarbeit! Man versteht das erst, wenn man dabei und mittendrin ist." Heutige Rock- und Popalben werden, sobald die Songs geschrieben sind, im Schnitt binnen ein, zwei Wochen im Studio eingespielt. Und Studiozeit kostet exorbitant viel Geld. Naturally 7 wollten dennoch keine Kompromisse eingehen, und tatsächlich, "Ready To Fly" klingt um Klassen ausgereifter als der Vorgänger "What Is It?". Um dieses Niveau auch live auf der Bühne zu wahren, haben Naturally 7 inzwischen ein "achtes" Mitglied: Andrew Lefkowits, seit anderthalb Jahrzehnten Sound Engineer im Acapella-Wesen, wird das Weltklasse-Niveau von "Ready To Fly" auch auf der Bühne zum Fliegen bringen.
TRUE FRIENDS
Wir dürfen uns wieder freuen. Alles was Naturally 7 so unverwechselbar und erstaunlich macht, bleibt einzigartig und erstaunlich. Und sie sind besser als je zuvor! Verdammt, diese Jungs haben Erfolg mehr verdient als die meisten, die ich im Laufe meiner Entdeckungen im globalen Popdorf kennen, schätzen und bewundern gelernt habe. Ich kenne vor allem keine zweiten, die so viel überschäumendes Talent besitzen UND arbeiten wie Ackergäule. Als ich sie das letzte Mal traf, um alles über ihr neues Album zu erfahren, sind drei der Jungs am Tisch eingeschlafen, und es tat mir fast leid, dass ich ihre Zeit in Anspruch nahm. "Wenn ich die Wahl habe, mit Roger zu einem Interview zu gehen oder ihn allein gehen zu lassen, um eine Stunde mehr Schlaf zu kriegen, dann nehme ich die Stunde Schlaf", gesteht Warren. Aber glauben Sie das bloss nicht! Da lässt keiner den anderen hängen. Die sind nicht nur professionell, sondern wahre Freunde!
Aber dass Naturally 7 alles nur mit Mund und Körper machen, glauben Sie doch jetzt hoffentlich?! Das Tamburin, zum Beispiel, wird durch Kratzen auf der Haut simuliert.... Nun habe ich mir zum siebten Mal "Ready To Fly" angehört.... Also, ich muss da nochmal nachhaken... Gar keine Tricks? Kaum zu glauben.
Markus Will, März 2006
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